
Die diesjährige Oscar-Verleihung hat für zahlreiche Überraschungen gesorgt. Da war ein Vampir-Film, der für sagenhafte 16 Oscars nominiert war, aber nur vier verliehen bekam. Ein Film über Tischtennis war neun Mal nominiert und ging leer aus. Und da war da noch der Festival-Liebling „Sentimental Value“, der trotz ebenfalls neun Nominierungen nur den Oscar für den besten internationalen Film erhielt. Ob er mehr verdient hätte, kann nun jeder im Heimkino erfahren, denn gerade ist der Streifen auf BluRay und DVD erschienen.
Nora steht kurz vor einer Theater-Premiere und kann einfach nicht auf die Bühne. Ihr übermäßig ausgeprägtes Lampenfieber lässt fast die Vorstellung platzen, doch letzten Endes kann sie sich doch der Situation stellen und wird anschließend groß gefeiert. Ihre Schwester Agnes ist Historikerin, ist verheiratet und hat einen Sohn. Die beiden jungen Frauen wurden von ihrer Mutter aufgezogen, einer Psychologin, nachdem die Familie von Vater und Ehemann Gustav verlassen wurde, als die Mädchen noch klein waren. Der hat seine norwegische Heimat gleich ganz verlassen, um als Filmregisseur zu arbeiten.
Als die Mutter stirbt, kommt Gustav unangekündigt zurück, als wäre nie etwas gewesen, doch seine Töchter hassen ihn, weil er sie einfach sitzen gelassen hat, zudem hatte er immer ein Alkoholproblem. Gustav möchte sich mit seinen beiden Kindern versöhnen, doch so einfach kann das nicht funktionieren. Bei allen Gesprächen schwingen Aggressionen mit, die früher oder später ausbrechen und jede Form der Versöhnung unmöglich erscheinen lassen.
Gustav möchte das Leben seiner Mutter verfilmen und möchte den Film im Haus drehen, in dem Agnes und Nora aufgewachsen sind, so wie drei Generationen vor ihnen auch. Doch seine Karriere verläuft längst nicht mehr so erfolgreich, und so fehlt dem einstmals gefeierten Regisseur Geld für die Realisation des Films. Daher bittet er Nora, die Rolle ihrer Großmutter zu übernehmen, doch die möchte nicht einmal das Drehbuch lesen. Daher engagiert Gustav die amerikanische Schauspielerin Rachel und findet so auch zu einem Produzenten, der den Film mit ihm realisieren will. Aber kann so eine Versöhnung der Familie gelingen?
Der Film liegt auf BluRay in der deutschen und der norwegischen Sprachfassung (DTS-HD MA 5.1) vor. An Extras bietet die BluRay Interviews mit Regisseur und Hauptdarstellern, einen Clip über Stellan Skarsård beim Filmfest München, wo er den CineMerit Award überreicht bekommen hat, sowie die Pressekonferenz zum Film bei den Filmfestspielen 2025 in Cannes.
„Sentimental Value“ ist also der Nachfolger von „Der schlimmste Mensch der Welt“ des norwegischen Regisseurs Joachim Trier, der unter anderem für seinen neuesten Streifen den Großen Preis der Jury in Cannes erhielt und auf zahlreichen Filmfestivals weltweit gefeiert wurde. Warum eigentlich? Es geht um zwei erwachsene Töchter, die gerade ihre Mutter verloren haben, und die ihrem Vater nicht verzeihen können, dass er sie als Kinder im Stich gelassen hat. Ein Vater, der wie aus dem Nichts auftaucht, und meint, dass das Leben einfach da weitergehen kann, aus dem er damals ausgestiegen ist. Dabei kommen jede Menge Emotionen an die Oberfläche, Wut, Enttäuschung, Hoffnung, und zwar in Gesprächen mit dem und über den Vater.
Das Drehbuch haben Joachim Trier und Eskil Vogt zusammen geschrieben, wie auch bei anderen Filmen zuvor. Doch in diesem Buch bleiben die Themen eher platt: Kann Gustav zusammen mit seiner Tochter ein Comeback gelingen und wie kann er sie dazu überzeugen, ihm zu helfen? Da stellt sich bald die Frage, ob es sich hier um Themen der Filmindustrie handelt oder es doch eher um die Rettung der Familie gehen soll. Möchte er seiner Tochter zum Filmdebüt verhelfen, um Geld zu sparen, oder liegt ihm doch etwas an seinen beiden Kindern und seinem Enkel?
Getragen wird der Film von der überaus hochkarätigen Besetzung: Renate Reinsve und Inga Ibsdotter Lilleaas, die die beiden Töchter spielen, Stellan Skarsgård als zurück gekehrter Vater und Elle Fanning als hoffnungsvolle Besetzung von Gustavs Film und einzigem fröhlichen Lichtblick in der ganzen Geschichte. Die Handlung und damit der gesamte Film bleiben schwer – schwermütig und schwer zu verdauen. Da können die zwei Stunden und fünfzehn Minuten schon zu einer echten Herausforderung werden, bis man den Abspann erreicht, zumal sich das Drama zwei Stunden lang zuspitzt und der Rest für eine Art Erlösung ausreichen muss. Wie es der Film trotz allem zum Festivalliebling geschafft hat, ist da nicht ganz nachzuvollziehen, denn er ist weder stimmungserhellend noch unterhaltsam. Diesen Film muss man wirklich sehen wollen, anders geht es nicht, und selbst dann verlangt er seinem Publikum einiges ab, wenn es durchgehend mit intensiven Gefühlen beworfen wird.
Für Fans des skandinavischen Arthaus und des Regisseurs Joachim Trier ist dieser Film ganz klar Pflicht. Wer nur einfach so in diesen Film stolpert oder sich einen schönen Samstag Abend mit Popcorn machen möchte, sei gewarnt, dass dieses Unterfangen schief gehen könnte.
N, DK, S, D, F 2025, 135 Minuten
mit Renate Reinsve, Inga Ibsdotter Lilleaas, Stellan Skarsgård, Elle Fanning
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